Rothirsch

Cervus elaphus

Vor 175 Jahren ist der Rothirsch in der Schweiz ausgestorben. Doch der «König der Wälder» kehrte zurück und erobert nun langsam das Mittelland.  Der Sihlwald bietet den Tieren ein wichtiges Rückzugsgebiet.

Heute kann man sich das fast nicht mehr vorstellen, aber im Jahr 1850 war der Rothirsch in der Schweiz ausgestorben. Grund dafür waren der Raubbau am Wald und die Jagd.

Erst strengere Forst- und Jagdgesetze brachten die Wende. Ab 1870 wanderten wieder Hirsche aus Österreich in den Kanton Graubünden ein. Derzeit dringt der «König der Wälder» auch langsam ins Mittelland vor. Die Ausbreitung erfolgte in den letzten Jahren insbesondere entlang der Albiskette und im Reusstal.

Albiskette und Reusstal erforscht

Mit der Rückkehr des grossen Pflanzenfressers in diese stark vom Menschen geprägte Kulturlandschaft können Nutzungskonflikte entstehen, für deren Lösung faktenbasierte Managementgrundlagen erforderlich sind. Aus diesem Grund hat das Bundesamt für Umwelt ein umfassendes Forschungs­programm in Auftrag gegeben, an dem sich mehrere Fachhochschulen beteiligten. Die Forschungsgruppe Wildtiermanagement der ZHAW widmete sich der Region Albis­kette-Reusstal.

Mit 95 Wildtierkameras überwachte das Forschungsteam der ZHAW zwischen Mai 2020 und April 2024 eine Fläche von 450 Quadratkilometern. Zusätzlich konnten die Forschenden im Raum Sihlwald drei weibliche und drei männliche Rothirsche mit GPS-Halsbandsendern versehen.

Im Fotofallenmonitoring wurden in 71 von insgesamt 95 Kilometerquadraten Rothirsche nachgewiesen. Insgesamt leben in der Region geschätzt 100 Tiere. Keine Nachweise gab es etwa in der Nähe der Stadt Zürich oder entlang des Limmattals.

Die Rothirsche bevorzugen Flächen, die möglichst fern von menschlichen Strukturen liegen, einen hohen Waldanteil haben und guten Sichtschutz bieten. Offenlandflächen suchen sie in der Regel nur im Schutz der Dunkelheit auf, obwohl der Rothirsch von Natur aus tagaktiv ist.

Im Winter mögen Rothirsche den Sihlwald

Interessant: Das regionale Vorkommen der Rothirsche ist stark saisonal geprägt. Im Winter konzentrieren sich die Rothirsche deutlich auf den Bereich des Sihlwalds. In der restlichen Zeit bewegen sich die Tiere weiträumig im Untersuchungsgebiet. Die Hirschkühe verhalten sich in der Regel deutlich standorttreuer als die Stiere. Diese legten teils Wanderungen bis in die Voralpen zurück; ein Stier wanderte sogar bis an den Fuss des Pilatus im Kanton Luzern – also Distanzen bis zu 35 Kilometern.

Schlussfolgerungen des Forschungsteams: Der Sihlwald hat sich als zentrales Einstandsgebiet der Rothirsche erwiesen und spielt eine wichtige Rolle für die regionale Vernetzung der Population. Die untenstehende Karte zeigt dies. Die Kameras, die von Mai 2022 bis April 2023 ein- oder mehrmals Rothirsche fotografiert haben, sind rot markiert. An den anderen Kamerastandorten gab es keinen Nachweis von Rothirschen.

Wildtierbrücken über Strassen

In einem ökologisch orientierten, integralen Rothirschmanagement sollten punktuelle Jagdmassnahmen geschickt mit der Förderung wichtiger Rückzugsgebiete kombiniert werden. Dazu zählen lebensraumberuhigende Massnahmen wie Weggebote, Leinenpflicht für Hunde während sensibler

Jahreszeiten und die Einführung von Wildruhezonen. Der Ausbau der ökologischen Infrastruktur – beispielsweise durch Wildtierbrücken und andere Querungshilfen – ist konsequent weiterzuführen, um die Vernetzung für Rothirsche und andere Wildtierarten zu sichern.

Hirsche im Tierpark Langenberg.

Der Rothirsch war die erste Tierart, die im 1869 gegründeten Tierpark Langenberg gehalten wurde. Heute leben hier auch Damhirsche, die ursprünglich aus Asien stammen und in verschiedenen europäischen Ländern ausgewildert wurden, sowie der in freier Wildbahn ausgestorbene Vietnam-Sikahirsch. Der Wildnispark Zürich beteiligt sich am internationalen Erhaltungszuchtprogramm für diese Hirschart, um eine Reservepopulation zu sichern und so eine Wiederansiedlung möglich zu machen. 

Weltweit gibt es zwischen 50 und 80 Hirscharten – je nach Zählart, bzw. Zuordung der Unterarten.

Fotofallenaufnahmen und Karte: ZHAW / WILMA